Die (sehr lange) Geschichte: Berlin

Inhalt

Das Wasser der Spree und die Geburt zweier Städte
Der Einzug der Hohenzollern und der Berliner Unwille
Von der Reformation bis zu den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges
Der Große Kurfürst und der Wiederaufbau im Barock
Ein Königreich entsteht: Friedrich I. und der Barockglanz
Der Soldatenkönig und das preußische Arbeitsethos
Das Friderizianische Berlin: Geist und Säbel
Krisen, Niederlage und das Ende des alten Preußen
Biedermeier, Schinkel und der Beginn der Industrialisierung
Die Metropole des Deutschen Kaiserreiches
Vom Untergang des Kaiserreiches bis zur Entstehung von Groß-Berlin
Die Goldenen Zwanziger, NS-Diktatur und die Narben des Zweiten Weltkriegs
Kalter Krieg, Teilung und das Leben im Schatten der Mauer
Wiedervereinigung, Boom und Berlin im 21. Jahrhundert

Geschichtsporträt Berlin: Von slawischen Siedlungen zur Reichshauptstadt und Metropole

Brandenburger Tor
Siegessäule mit Goldelse
Schloss Bellevue
Reichstagsgebäude
Sowjetisches Ehrenmal im Tiergarten

Das Wasser der Spree und die Geburt zweier Städte
Ein feuchter Wind zieht durch das Urstromtal. Im 13. Jahrhundert dominiert der Geruch von nassem Holz, Schilf und schwerem märkischem Sand die Landschaft an der Spree. Wo heute der Verkehr über den Asphalt rollt, prägte einst ein träger Fluss mit vielen Flussarmen die Region. Händler zogen mit ihren schweren Holzwagen durch das seichte Wasser der Furt. Sie suchten den sichersten Weg durch das morastige Thal zwischen den Hochflächen des Barnim und des Teltow.
Genau an diesem strategischen Nadelöhr entstanden zwei Siedlungen. Am linken Ufer lag Cölln auf einer Insel im Fluss, geschützt durch das umgebende Wasser. Am rechten Ufer breitete sich Berlin aus. Ein hölzerner Damm verband beide Orte über die Spree hinweg. Dieser Mühlendamm war das Herzstück des frühen Handels. Hier stauten Mühlen das Wasser, während Händler ihre Waren umsetzten, Getreide mahlten und Fisch verkauften. Der Duft von frischem Brot mischte sich mit dem Geruch von getrocknetem Hecht.
Die Askanier erkannten den Wert dieses Ortes. Markgraf Albrecht der Bär hatte die Mark Brandenburg im Jahr 1157 begründet. Seine Nachfolger, die Brüder Johann I. und Otto III., förderten den Ausbau der Doppelstadt systematisch im 13. Jahrhundert. Cölln fand seine erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1237, als ein Pfarrer Simeon als Zeuge in einem Dokument genannt wurde. Berlin folgte wenige Jahre später im Jahr 1244. Die Askanier sicherten sich mit den Städten die Kontrolle über den Flussübergang und trieben die deutsche Ostsiedlung voran.
Das Leben im frühen Berlin war rauchig und eng. Die Fachwerkhäuser besaßen Dächer aus Stroh oder Schindeln. Ein einziger Funke konnte ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legen. Durch die ungepflasterten Gassen getriebenes Vieh hinterließ dichte Staubwolken. Dennoch wuchs der Wohlstand. Die Bürger nutzten das Stapelrecht. Jeder vorbeireisende Kaufmann musste seine Waren drei Tage lang in der Stadt anbieten. Holz, Tuch, Salz und Heringe wechselten auf den Märkten die Besitzer. Im Jahr 1307 schlossen sich Berlin und Cölln zu einer Union zusammen, um ihre Rechte gemeinsam gegen Angreifer zu verteidigen. Ein gemeinsames Rathaus entstand auf der Lange Brücke.

Der Einzug der Hohenzollern und der Berliner Unwille
Mit dem Aussterben der Askanier im Jahr 1319 sank die Mark Brandenburg in ein Chaos aus Raubrittertum und Machtkämpfen. Über Jahrzehnte hinweg litt das Land unter schwachen Herrschern aus den Häusern Wittelsbach und Luxemburg. Die Wege waren unsicher. Gesetzlose Adlige überfielen Händler kurz vor den Stadttoren. Erst im Jahr 1415 änderte sich die Lage grundlegend, als König Sigismund den Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg mit der Mark Brandenburg belehnte. Als Kurfürst Friedrich I. übernahm das Haus Hohenzollern die Herrschaft.
Die Bürgerschaft von Berlin-Cölln war an ihre Autonomie gewöhnt. Sie begegnete den neuen Herren mit Skepsis und offener Abneigung. Die Konfrontation gipfelte im Kurfürstentum von Friedrich II., genannt Eisenzahn. Er verlangte Land auf der Cöllner Spreeinsel, um eine feste Burg zu errichten. Die Bürger sahen darin eine direkte Bedrohung ihrer verfassungsrechtlichen Freiheiten und den Bau einer Zwingburg mitten in ihrer Stadt.
Im Jahr 1442 brach der Berliner Unwille aus. Die Bürger stürmten die Baustelle der kurfürstlichen Residenz. Sie öffneten die Schleusen des Mühlendamms und fluteten den Baugrund, um das Fundament des Schlosses zu zerstören. Der gärende Unmut schlug in offenen Aufruhr um. Doch der Kurfürst reagierte mit eiserner Härte. Er entzog den Doppelstädten das Bündnisrecht, löste die gemeinsame Verwaltung auf und beschneidet die städtischen Privilegien drastisch.
Im Jahr 1448 ergab sich die Stadt der kurfürstlichen Übermacht. Das Zwingglockenseil wurde gekappt, die Selbstbestimmung war gebrochen. Der Grundstein für das Berliner Schloss war gelegt. Aus den stolzen, weitgehend unabhängigen Handelsstädten wurde die fest verankerte Residenzstadt der Hohenzollern. Das Klirren der Waffen weichte dem höfischen Zeremoniell. Der kurfürstliche Hof prägte von nun an das wirtschaftliche und soziale Gefüge der Stadt.

Von der Reformation bis zu den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges
Das 16. Jahrhundert brachte tiefgreifende geistige und städtebauliche Veränderungen. Im Jahr 1539 vollzog Kurfürst Joachim II. im St. Nikolai-Dom zu Spandau den Übertritt zum protestantischen Glauben. Berlin wurde evangelisch. Die Besitztümer der Kirche fielen an den Landesherrn, Klöster wurden aufgelöst. Das Dominikanerkloster in Cölln wandelte man in eine Hofkirche um. Der Kurfürst investierte massiv in repräsentative Bauten und ließ das Schloss im Renaissance-Stil umbauen. Das Geld dafür lieh er sich unter anderem bei reichen Kaufleuten, was die landesherrlichen Schulden in astronomische Höhen trieb.
Ein Jahrhundert später traf die Katastrophe das Land mit voller Härte. Im Jahr 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus. Die Mark Brandenburg wurde zum Schauplatz verheerender Durchmärsche kaiserlicher und schwedischer Truppen. Berlin besaß keine modernen Festungsanlagen und war den Erpressungen, Plünderungen und Kontributionen schutzlos ausgeliefert.
Die Luft in jenen Jahren war von Rauch und Verwesung erfüllt. Söldner erpressten astronomische Summen von den verbliebenen Bewohnern. Wenn das Geld fehlte, zündeten sie die Häuser an. Zu den Kriegshandlungen gesellte sich die Pest. Die Einwohnerzahl von Berlin und Cölln halbierte sich von geschätzten 12.000 Menschen vor dem Krieg auf weniger als 6.000 im Jahr 1648. Viele Straßen standen komplett leer, verfallene Holzhäuser stürzten ein, und auf den Feldern vor den Stadttoren wuchs Unkraut mannshoch. Die Mark war verarmt, verwüstet und entvölkert.

Der Große Kurfürst und der Wiederaufbau im Barock
Im Jahr 1640 trat Friedrich Wilhelm das Erbe in einer nahezu ruinierten Mark an. Als Großer Kurfürst wandelte er das geschwächte Brandenburg-Preußen in einen europäischen Machtfaktor um. Seine erste Priorität galt der militärischen Sicherheit. Er wandelte Berlin-Cölln in eine moderne Festungsstadt um. Zwischen 1658 und 1683 entstanden mächtige Erdwallanlagen, Bastionen und ein breiter Festungsgraben. Die Stadt zog sich gleichsam einen Panzer aus Erde und Ziegeln an.
Um das Land wirtschaftlich neu zu beleben, setzte der Große Kurfürst auf eine gezielte Einwanderungspolitik. Mit dem Edikt von Potsdam im Jahr 1685 öffnete er die Grenzen für die im Königreich Frankreich verfolgten Hugenotten. Tausende französische Glaubensflüchtlinge folgten dem Ruf in die raue märkische Sandbüchse.
Die Franzosen brachten neues Wissen, Handwerk und Kapital mit. In den Straßen erklang plötzlich Französisch. Seidenweber, Hutmacher, Uhrmacher und Gärtner ließen sich nieder. Sie führten den Anbau von Blumenkohl, Spargel und Seide ein. Berlin wuchs rasch über seine alten Festungsgrenzen hinaus. Neue Vorstädte wie Friedrichswerder, die Dorotheenstadt und die Friedrichstadt wurden auf dem Reißbrett entworfen. Kerzengerade Straßenachsen prägten das neue Stadtbild. Unter den Linden entstand als prachtvolle Allee, die das Schloss mit dem Tiergarten verband.

Ein Königreich entsteht: Friedrich I. und der Barockglanz
Das Jahr 1701 markierte den Wendepunkt zur europäischen Großmacht. Kurfürst Friedrich III. krönte sich in Königsberg selbst zum König Friedrich I. in Preußen. Berlin wurde damit zur königlichen Haupt- und Residenzstadt. Der frisch gebackene Monarch verlangte nach einem Repräsentationsrahmen, der dem neuen Rang entsprach.
Der Architekt und Bildhauer Andreas Schlüter gestaltete das Berliner Schloss in einen gewaltigen Barockpalast um. Die Fassaden erhielten mächtige Säulen, ausdrucksstarke Skulpturen und monumentale Portale. Schlüter schuf zudem das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, das heute vor dem Charlottenburger Schloss steht. Auf der Spreeinsel entstand eine Kulisse aus Prunk und höfischer Eleganz. Gleichzeitig ließ der König für seine Gemahlin Sophie Charlotte das Schloss Lützenburg erbauen, das spätere Schloss Charlottenburg.
Im Jahr 1709 vereinigte ein königliches Dekret die bis dahin rechtlich selbstständigen Städte Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin. Die Mauern zwischen den alten Teilstädten fielen nach und nach. Die Gesamteinwohnerzahl stieg auf über 50.000 Menschen. Aus der märkischen Doppelstadt war definitiv eine europäische Metropole geworden.

Der Soldatenkönig und das preußische Arbeitsethos
Auf den Prunk folgte die schonungslose Sparsamkeit. Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, bestieg im Jahr 1713 den Thron. Er verachtete die Verschwendung seines Vaters und stellte den gesamten Staat in den Dienst des Militärs. Der Hofstaat wurde drastisch verkleinert, Kunstförderung gestrichen, Goldborten an den Uniformen abgeschafft.
Berlin wandelte sich in eine gigantische Garnison. Jeder Bürger hatte Soldaten in sein Haus aufzunehmen und zu verpflegen. Der Klang von Exerzierschritten, Trommelwirbeln und Kommandorufen beherrschte den Alltag. Auf dem Exerzierplatz vor den Toren marschierten die Regimenter stundenlang in vollendeter Präzision.
Der König erweiterte die Stadt erneut nach Westen und Süden. Er ließ die alte Festung abtragen, da sie dem Wachstum im Wege stand. Stattdessen entstand eine hölzerne Akzisemauer rund um die erweiterte Stadt. Sie diente nicht der Verteidigung gegen äußere Feinde, sondern der Verhinderung von Fahnenflucht der Soldaten und der Erhebung von Ein- und Ausfuhrsteuern. Repräsentative Plätze wie das Quarré (der spätere Pariser Platz), das Octogon (der spätere Leipziger Platz) und das Rondell (der spätere Mehringplatz) bildeten die neuen städtebaulichen Endpunkte. Das Brandenburger Tor entstand als eines der Durchlassforen der Zollmauer.

Das Friderizianische Berlin: Geist und Säbel
Friedrich II., Friedrich der Große, übernahm im Jahr 1740 die Herrschaft. Unter seiner Regierungszeit erlebte Berlin eine kulturelle und philosophische Blütezeit im Geist der Aufklärung, während der König gleichzeitig blutige Kriege um Schlesien führte.
Der König machte Berlin zu einem Zentrum der Wissenschaft und Literatur. Voltaire korrespondierte mit dem Berliner Hof. Der Philosoph Moses Mendelssohn und der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing prägten das geistige Leben. Berlin galt als Ort der Toleranz, solange die Staatsräson nicht berührt wurde. Der Spruch Friedrichs, dass in seinem Staat jeder nach seiner Façon selig werden solle, lockte Denker und Handwerker an.
Städtebaulich hinterließ Friedrich II. deutliche Spuren. Das Forum Fridericianum am Beginn der Allee Unter den Linden entstand mit der Königlichen Hofoper (heute Staatsoper), der St. Hedwigs-Kathedrale und dem Palais des Prinzen Heinrich (heute Hauptgebäude der Humboldt-Universität). Das Ensemble demonstrierte den wissenschaftlichen, religiösen und kulturellen Anspruch Preußens.
Dennoch blieb Berlin von den Schrecken der Schlesischen Kriege nicht verschont. Im Jahr 1760, während des Siebenjährigen Krieges, besetzten russische und österreichische Truppen die unbefestigte Stadt für mehrere Tage. Sie erpressten ein hohes Lösegeld von den Kaufmannsgilden und richteten erhebliche Schäden in den königlichen Manufakturen an, bevor sie beim Herannahen der preußischen Hauptarmee wieder abzogen.

Krisen, Niederlage und das Ende des alten Preußen
Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert stürzte Preußen in eine tiefe Krise. Nach dem Tod Friedrichs des Großen im Jahr 1786 stagnierte der Staat unter Friedrich Wilhelm II. Im Jahr 1791 erhielt das Brandenburger Tor seine prägende Gestalt durch Carl Gotthard Langhans. Die Quadriga der Siegesgöttin blickte über die Allee Unter den Linden.
Doch die Katastrophe folgte im Jahr 1806. In der Doppelnschlacht von Jena und Auerstedt wurde die preußische Armee durch die Truppen Napoleons vernichtet. Am 27. Oktober 1806 ritt Napoleon Bonaparte triumphierend durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Er ließ die Quadriga vom Tor abbauen und als Beutekunst nach Paris transportieren.
Für Berlin begann eine zweijährige französische Besatzungszeit. Die Stadt litt unter enormen Kontributionen und der Einquartierung fremder Truppen. Die Niederlage wirkte jedoch wie ein Katalysator für umfassende Reformen. Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, Karl August von Hardenberg und Wilhelm von Humboldt leiteten die Erneuerung des Staates ein. Im Jahr 1810 gründete Wilhelm von Humboldt die Berliner Universität, die schnell zu einer der führenden Forschungsstätten Europas aufstieg.
Die Befreiungskriege brachten im Jahr 1813 die Wende. Berliner Bürger organisierten sich in Landwehr-Einheiten. Nach dem Sieg über Napoleon kehrte auch die Quadriga im Jahr 1814 an ihren angerammten Platz auf dem Brandenburger Tor zurück, ergänzt um das Eisernen Kreuz im Lorbeerkranz.

Biedermeier, Schinkel und der Beginn der Industrialisierung
In den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress entwickelte sich Berlin zu einer Doppelgesichtigkeit aus Biedermeier-Idylle und aufkeimender Schwerindustrie. Der Architekt Karl Friedrich Schinkel prägte das Stadtbild nachhaltig mit seinen klassizistischen Meisterwerken. Die Neue Wache, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und das Altes Museum auf der Spreeinsel verliehen Berlin die Anmutung eines Spree-Athens.
Unter der Oberfläche gärte es jedoch gewaltig. Die Bevölkerung wuchs drastisch an. Die handwerkliche Produktion stieß an ihre Grenzen, während die Mechanisierung einsetzte. Im Jahr 1838 eröffnete die erste preußische Eisenbahnstrecke zwischen Berlin und Potsdam. Der Anhalter, der Potsdamer und der Stettiner Bahnhof entstanden als neue Tore zur Welt.
Pioniere der Industrialisierung siedelten sich an. August Borsig gründete im Jahr 1837 seine Maschinenbauanstalt vor dem Oranienburger Tor. Bald rollten die ersten Dampflokomotiven aus seinen Hallen. Werner von Siemens legte im Jahr 1847 den Grundstein für die Elektrotechnik in der Stadt. Das Areal außerhalb der alten Akzisemauer wandelte sich in ein Feld aus qualmenden Schornsteinen, Gießereien und kargen Mietkasernen. Der Ruß der Fabriken legte sich über die Schinkelschen Säulenbauten.
Die sozialen Spannungen entluden sich in der Märzrevolution von 1848. Auf den Straßen Berlins entstanden Barrikaden. Arbeiter, Handwerker und Studenten kämpften gegen die königlichen Truppen. Nach blutigen Straßenkämpfen musste König Friedrich Wilhelm IV. die Hüte vor den Gefallenen ziehen und eine verfassunggebende Versammlung versprechen. Der Ausbruch der Freiheit währte jedoch nur kurz, die Reaktion setzte sich bald wieder durch.

Die Metropole des Deutschen Kaiserreiches
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 unter preußischer Führung wurde Berlin zur Reichshauptstadt. Der Aufstieg vom bescheidenen Residenzort zur Weltmetropole vollzog sich in rasendem Tempo. Binnen weniger Jahrzehnte übersprang die Einwohnerzahl die Millionengrenze.
Die Gründerjahre brachten einen Bauboom ohnegleichen. Spekulanten bauten ganze Stadtviertel in kürzester Zeit auf. Es entstanden die typischen Berliner Mietkasernen mit mehreren Hinterhöfen, in denen Licht und Luft Mangelware waren. Während im Vorderhaus das Großbürgertum in hochherrschaftlichen Etagen wohnte, pferchten sich in den dunklen Seitenflügeln und Hinterhäusern Arbeiterfamilien und Schlafgänger auf engstem Raum. Der Geruch von Kohlenrauch, feuchten Wänden und ungeklärten Abwässern prägte die Arbeiterbezirke wie Wedding, Neukölln oder Kreuzberg.
Gleichzeitig entstanden monumentale Repräsentationsbauten. Das Reichstagsgebäude wurde von 1884 bis 1894 erbaut. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche entstand auf dem Kurfürstendamm, der sich zum neuen Prachtboulevard im Westen entwickelte. Technische Infrastruktur sicherte das Überleben der Riesenstadt: James Hobrecht plante die moderne Kanalisation, die Berliner Stadtbahn verband die Kopfbahnhöfe, und im Jahr 1902 nahm die erste Hoch- und U-Bahn ihren Betrieb auf.
Berlin war um 1900 das wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Herz Deutschlands. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde gegründet, Nobelpreisträger wie Max Planck und Albert Einstein lehrten an der Universität. Die Berliner Luft schmeckte nach Dynamik, Fortschritt und Aufbruch.

Vom Untergang des Kaiserreiches bis zur Entstehung von Groß-Berlin
Der Erste Weltkrieg beendete das kaiserliche Glanzzeitalter im Jahr 1914. Die Euphorie des Aufbruchs wich rasch der harten Realität von Hunger, Kälte und Verlusten. Die Steckrübenwinter brachten große Not über die Berliner Bevölkerung. Frauen und Kinder standen stundenlang in langen Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften.
Im November 1918 kollabierte das Kaiserreich. Vom Balkon des Berliner Schlosses rief Philipp Scheidemann die Republik aus, während nur wenige Stunden später Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik verkündete. Der Kaiser dankte ab, Straßenkämpfe zwischen bewaffneten Arbeiter- und Soldateneinheiten und Freikorps erschütterten die Stadt im folgenden Winter.
Trotz der politischen Instabilität folgte ein administrativer Befreiungsschlag, der das heutige Berlin überhaupt erst schuf. Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Die alte Kernstadt Berlin schloss sich mit den sieben umliegenden Städten Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zusammen.
Über Nacht verdoppelte sich die Bevölkerung auf etwa 3,8 Millionen Menschen. Das Territorium der Stadt vervielfachte sich auf einen Schlag. Aus der Ansammlung von Provinzstädten, Dörfern und der alten Residenz war die drittgrößte Metropole der Welt nach New York und London geworden. Die historische Doppelstadt Berlin-Cölln, die einst an den Ufern der Spree ihren Anfang nahm, bildete nun nur noch das historische Zentrum einer gigantischen Weltstadt.

Die Goldenen Zwanziger, NS-Diktatur und die Narben des Zweiten Weltkriegs In den 1920er-Jahren entwickelte sich Groß-Berlin zum kulturellen und intellektuellen Zentrum Europas. Die „Goldenen Fünfzig“ wurden zum Synonym für architektonische Avantgarde, blühendes Theaterleben, Filmkunst und rauschende Nächte im Babelsberger und Berliner Nachtleben. Doch die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf die Metropole hart: Massenarbeitslosigkeit und politische Polarisierung führten zu blutigen Straßenkämpfen zwischen KPD und NSDAP.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete die Demokratie schlagartig. Berlin wurde zur Schaltzentrale des NS-Terrorregimes und der systematischen Vernichtung der europäischen Juden. Die gigantomanischen Pläne Hitlers und seines Architekten Albert Speer, Berlin zur Welthauptstadt „Germania“ umzubauen, hinterließen zwar nur wenige Spuren, doch der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg legte die Stadt in Schutt und Asche. Als die Rotarmee im Mai 1945 die Stadt einnahm, glich das einst stolze Groß-Berlin einer Trümmerlandschaft.

Kalter Krieg, Teilung und das Leben im Schatten der Mauer
Die siegreichen Alliierten teilten Berlin in vier Sektoren auf. Sehr rasch spitzte sich der Ost-West-Konflikt an der Nahtstelle der Weltmächte zu. Als die Sowjetunion 1948 versuchte, West-Berlin durch eine Blockade auszusperren, organisierten die Westalliierten die legendäre „Luftbrücke“ mit den „Rosinenbombern“, um die Bevölkerung aus der Luft zu versorgen.
Die politische Trennung verfestigte sich: 1949 wurde Ost-Berlin zur Hauptstadt der DDR erklärt, während West-Berlin als Insel der Bundesrepublik mitten im sozialistischen Machtbereich verblieb. Um die Massenflucht der eigenen Bevölkerung zu stoppen, errichtete das DDR-Regime am 13. August 1961 die Berliner Mauer. 28 Jahre lang schnitt die betonierten Zäsur Familien, Straßen und das gesellschaftliche Leben entzwei. Während West-Berlin als symbolisches Schaufenster des Westens und kulturelles Mekka für Wehrdienstverweigerer und Künstler galt, entwickelte sich Ost-Berlin zum repäsentativen Zentrum der DDR.

Wiedervereinigung, Boom und Berlin im 21. Jahrhundert
Im Herbst 1989 erzwang die Friedliche Revolution der DDR-Bürger den Einsturz des Regimes. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer in einer emotionalen historischen Nacht. Bereits 1990 war die Stadt auch formal wiedervereint und wurde per Bundestagsschluss 1991 erneut gesamtdeutsche Bundeshauptstadt.
Es folgte die Phase des radikalen Wandels: Die verwaiste Mitte der Stadt, allen voran der Potsdamer Platz, wandelte sich zur größten Baustelle Europas. Junge Menschen aus aller Welt strömten in die einstigen Grenzbezirke wie Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, um den Leerstand für Clubkultur, Start-ups und alternative Lebensentwürfe zu nutzen.
Heute hat sich Berlin als eine der dynamischsten und internationalsten Metropolen Europas etabliert. Mit rund 3,8 Millionen Einwohnern ist das Territorium von Groß-Berlin erneut zu einem globalen Knotenpunkt für Politik, Technologie, Wissenschaft und Kultur geworden – eng verwoben mit seiner komplexen, im Stadtbild auf Schritt und Tritt spürbaren Geschichte.

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